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Ein Leben nach dem Mond

Muslime weltweit begehen seit dem 6. Juni den Fastenmonat Ramadan. Doch wann er beginnt und wann er endet – das unterscheidet sich von Land zu Land. Seit Jahrzehnten versucht man in der islamischen Welt, sich auf einheitliche Termine zu verständigen. Warum ist es so schwierig für Muslime, sich in einer scheinbar so unwichtigen Frage einigen?

Hier: – vollständiges Manuskript! (im Deutschlandfunk gekürzte Version)

Von Hüseyin Topel

„Wie der Prophet Joseph sollte jeder Muslim versuchen, der Gesellschaft, in der er lebt, nützlich zu sein. (…) Das Leben des Propheten Joseph gibt ein Beispiel dafür. Für Muslime in Europa ist es an der Zeit, nach diesem Verständnis zu handeln und zu versuchen, für Europa das zu sein, was Joseph für Ägypten war.“

So Hakan Aydin, Dozent im Zentrum für islamische Theologie an der Universität in Münster, in seinem Buch „Der Islam im europäischen Zusammenleben“. Der Joseph aus der hebräischen Bibel, dem christlichen Alten Testament , wurde von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft und stellte sich dort auf die Bedingungen in der neuen Umgebung ein. Für Hakan Aydin kann daher Joseph, der im Islam zu den Propheten zählt, auch ein Vorbild für die Muslime in Europa sein. Denn es gehe doch auch hier darum, die eigenen islamischen Lebensbedingungen problemlos mit der anderen Kultur zu verbinden. Das gelte zum Beispiel auch für religiösen Festtage. Dazu Hakan Aydin:

„Die wichtigen religiösen Tage des Islam sind mit dem Mondkalender festgelegt. Deshalb ist es heute gängig vom islamischen Kalender zu sprechen. Eigentlich gibt es so etwas wie einen islamischen Kalender gar nicht. Und hier richten wir unser tägliches Leben ja ohnehin problemlos nach dem Kalender nach Christi Geburt aus. Das ist für uns hier vollkommen in Ordnung.

Dass religiöse Festtage nach dem Mondkalender ausgerichtet werden, kennen auch Judentum und Christentum, wie etwa an Pessach und Ostern. Das gilt auch für die gesamte islamischen Welt, sowohl für die Schiiten, die Sunniten und Aleviten.

„Der Mondkalender ist besonders wichtig für den Beginn des Fastenmonats Ramadan, weil man nur so festlegen kann, wann man mit dem Fasten beginnen und auch aufhören muss. Aber es gibt keine religiöse Autorität, die offiziell die religiösen Tage für alle verbindlich festlegt. Deshalb fallen die Termine unterschiedlich aus.

Für heftige Diskussionen in der islamischen Welt sorgt zum Beispiel immer wieder, dass die Araber und die Türken, die sich beide am Mondkalender orientieren, dennoch zu unterschiedlichen Berechnungen kommen. Denn sie wenden unterschiedliche Methoden an.

„Viele Araber versuchen auf dem möglichst höchsten Punkt einer Landschaft, einem Hügel oder so, den Neumond nach traditioneller Art, also mit dem bloßen Auge zu sichten. Wenn man den Neumond mit dem bloßen Auge noch nicht sehen kann, dann lehnen sie es auch ab, mit dem Fasten zu beginnen und warten auf den nächsten Tag. Sie legen Wert darauf, dass man den Termin ohne Hilfsmittel nur mit dem bloßen Auge festlegen muss.

Ganz anders ist das bei den Türken. Sie setzen technische Hilfsmittel wie zum Beispiel Teleskope ein.

„Technisch betrachtet gibt es da gar kein Hindernis und man könnte sogar sagen, dass die islamische Religion es so möchte, weil nach der Religion nur festgestellt werden muss, wann genau der Neumond beginnt. Man schaut auf die modernen Mittel und wägt ab, auf welche Weise man dem Zweck am ehesten gerecht werden kann.“

Wenn man die modernen Mittel nicht nutzt, läuft sogar man Gefahr, die religiösen Vorgaben nicht korrekt zu erfüllen.

„Wenn man diese Methodik nicht anwendet, entstehen leider Gottes solche Schreckgespenster, wie der Salafismus. Leute, die keine Ahnung davon haben, wie man den Koran zu verstehen hat und wie man Sachen zeitgemäß auslegen kann. Sie sehen nur einfach die Wörter und meinen danach handeln zu müssen. Sie sind blind gegenüber der notwendigen Erkenntnis.“

Die Diskussionen darüber, wie man sich in der islamischen Welt auf gemeinsame Standards für die Festlegung der religiösen Festtage einigen könnte, gibt es schon seit Jahrzehnten.

„1978 gab es einen Entschluss vieler islamischer Länder, inklusive Saudi Arabiens, der besagte, dass das Wichtige es sei, den Neumond zu sichten, ganz gleich ob mit bloßem Auge, oder mit moderner Technik.“

Doch bis heute wurde dieser Beschluss immer noch nicht in die Tat umgesetzt. Auch das Treffen von Vertretern aus vielen islamischen Ländern in diesen Wochen in Istanbul brachte keinen Fortschritt. Vor allem Saudi Arabien hält an den den alten Regeln ohne technische Hilfsmitteln fest. Obwohl es ja auch zu den Unterzeichnern des Beschlusses von 1978 gehört. Der Islamwissenschaftler Hakan Aydin von der Universität Münster.

„Wir hoffen, dass Saudi Arabien sich an diesen Entschluss endlich hält und die Muslime in Europa von diesem Zerwürfnis befreit. Wenn Saudi Arabien diese Entscheidung mittragen würde, dann werden davon am meisten die Muslime in Europa profitieren.“

Für die Muslime in Saudi Arabien und in den anderen islamischen Ländern hätte eine solche Entscheidung in der Praxis keine besondere Bedeutung, da in diesen Ländern ohnehin die gesamte muslimische Bevölkerung diese religiöse Feste gemeinsam wahrnimmt. Das sieht in Europa ganz anders aus. Denn hier leben Muslime aus den unterschiedlichsten islamischen Ländern. Wenn diese sich alle jeweils nach den Terminen in ihren jeweiligen Heimatländern richten, kann es sogar  dazu kommen, dass an drei unterschiedlichen Tagen das Ende des Ramadans gefeiert wird.

„Die Muslime in Europa richten sich nach ihren Herkunftsländern, da sie sich mit ihren Verwandten in der Heimat gemeinsam freuen möchte. Wir müssen nun auf Folgendes schauen, wir Muslime in Europa: Während die muslimischen Länder weltweit es nicht auf die Reihe kriegen, sich zu einigen, müssen die Muslime in Europa aber schon zu einer Einigung kommen. Das ist auch ein wichtiger Schritt, um in Deutschland zu einer Körperschaft des öffentlichen Rechts werden zu können.“

Da es keine religiös-geistliche Autorität gibt, die hier eine Entscheidung treffen kann, führt kein Weg daran vorbei, dass die islamischen Ländern sich untereinander einigen. Doch hier bremst in der Regel Saudi Arabien, das als Heimat des Propheten Mohammed, seinen geographisch-historischen Vorteil als besondere Autorität ins Spiel bringt.

„Leider machen wir Muslime uns mit solchen Situationen nur lächerlich. Sich davon zu befreien ist, sich auf die korrekteste Methode zu einigen. Dass die Saudis unter dem Beschluss von 1978 unterschrieben haben, beweist doch ihr Unrecht.“

Auch für das muslimische Leben in Deutschland wäre eine gemeinsame Festlegung der islamischen Feiertage von Vorteil.

„Auch Deutschland wird es bevorzugen, dass man die muslimischen Feiertage frühzeitig festlegen kann. Ein muslimischer Arzt wird wohl kaum nur 3 Tage vorher sagen können, wann er nicht kommen kann wegen seiner Feier.“

Im Moment spricht allerdings wenig dafür, dass sich eine Einigung realisieren ließe.

Dazu Hakan Aydin von der Universität Münster:

„Wenn die muslimische Community schon ein so einfaches Problem nicht untereinander lösen kann, was wollen sie denn dann noch gemeinsam bewerkstelligen?“

Erschienen im:Deutschlandfunk

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